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Leben in der Diaspora: Einsamkeit & Identität

Warum das Herz seine Sprache nicht wechselt: Welche Sprache spricht das Heimweh?

Erza Salihu
Erza Salihu Wissenschaftliche Forscherin
4 Min. Lesezeit

Ist dir schon einmal aufgefallen, dass du fließend Deutsch, Englisch oder Italienisch sprichst, aber in dem Moment, in dem du Heimweh hast, ganz von selbst Albanisch aus dir kommt?

Oder wenn du deine Mutter anrufst.

Wenn dir ein alter Ausdruck herausrutscht.

Wenn du mit deinen Cousinen und Cousins lachst.

Wenn dir die Augen feucht werden.

Es ist fast so, als wüsste dein Herz bereits, welche Sprache es sprechen möchte. Und vielleicht ist das kein Zufall. Manche Wörter werden nicht gelernt. Sie werden gelebt.

Als Kinder lernen wir nicht nur Wörter. Wir lernen, wie „Hab keine Angst“ klingt. Wie „Ich bin da“ klingt. Wie jemand unseren Namen mit Liebe ausspricht. Wie Trost klingt. Diese Momente bleiben bei uns, zusammen mit der Sprache, in der wir sie zum ersten Mal erlebt haben. Deshalb kann uns ein einziges vertrautes Wort plötzlich Jahre zurückversetzen. Nicht weil das Wort magisch wäre. Sondern weil die Erinnerung darin lebt.

Warum fühlt sich „Ich liebe dich“ nicht immer gleich an?

Du kannst „Ich liebe dich“ in vielen Sprachen sagen.

Die Bedeutung bleibt vielleicht dieselbe. Das Gefühl nicht immer.

Für viele Menschen, die in einer Sprache aufgewachsen sind und ihr Leben in einer anderen aufgebaut haben, tragen manche Wörter mehr als ihre Bedeutung im Wörterbuch. Sie tragen die Stimme eines Menschen. Eine Umarmung. Ein Zuhause. Manchmal können wir ein Gefühl nicht vollständig übersetzen. Nicht weil uns die Wörter fehlen. Sondern weil wir die Geschichte, die daran hängt, nicht übersetzen können.

Wenn das Heimweh spricht, bevor du es tust

Viele Menschen sprechen den ganzen Tag eine andere Sprache. Sie arbeiten. Studieren. Lachen. Diskutieren. Dann klingelt das Telefon. „Wie geht es dir?“ Und innerhalb von Sekunden verändert sich etwas. Nicht nur die Sprache. Die Stimme wird weicher. Der Rhythmus verändert sich.

Das Lachen klingt anders.

Es ist, als würde ein Teil von ihnen anders atmen.

Viele Menschen erleben das, ohne es zu bemerken.

Sie fühlen es einfach.

Verändert sich auch ein Teil von dir?

Viele Menschen, die zwischen zwei Ländern leben, sagen, dass sie sich je nach Sprache, die sie gerade sprechen, ein wenig anders fühlen. Manche werden ausdrucksstärker. Manche werden emotionaler. Manchen fällt es leichter zu scherzen. Anderen fällt es leichter, über schwierige Gefühle zu sprechen.

Das bedeutet nicht, dass sie zwei Persönlichkeiten haben.

Es bedeutet, dass jede Sprache andere Teile ihres Lebens in sich trägt.

Die eine trägt die Kindheit.

Die andere trägt das Leben, das sie sich gerade aufbauen.

Beide gehören zum selben Herzen.

Wenn Erinnerungen ihre eigenen Wörter wählen

Hast du schon einmal ein albanisches Lied gehört und dich plötzlich an ein Familienessen erinnert? Den Duft von selbst gebackenem Brot. Einen Satz, den deine Großmutter immer gesagt hat. Erinnerungen werden nicht nur als Bilder gespeichert. Sie sind mit Stimmen, Geräuschen, Gerüchen und mit der Sprache verbunden, in der sie zum ersten Mal geschehen sind.

Manchmal genügt ein einziges Wort, um einen ganzen Ort zurückzubringen.

Und die Kinder, die zwischen zwei Welten aufwachsen?

Für viele Kinder in der Diaspora fühlt sich das Leben anders an. Sie denken vielleicht in einer Sprache und träumen in einer anderen. Sie verstehen vielleicht Albanisch, suchen aber nach den Worten. Sie sprechen vielleicht Albanisch mit ihren Großeltern und eine andere Sprache mit ihren Freundinnen und Freunden. Manchmal kann daraus das Gefühl entstehen, zu keiner der beiden Welten ganz zu gehören. Aber vielleicht müssen sie sich gar nicht entscheiden. Identität entsteht nicht immer dadurch, dass man eine Sprache zurücklässt.

Manchmal wächst sie, indem man beide weiterträgt.

Das Herz braucht keine Übersetzung

Vielleicht müssen wir die Seele einer Sprache nicht immer übersetzen. Manche Wörter tragen mehr als Bedeutung.

Sie tragen Menschen.

Erinnerungen.

Zuhause.

Und vielleicht erinnert sich das Herz gerade deshalb, auch wenn das Leben uns viele Sprachen beibringt, noch immer an jene, in der es zum ersten Mal gelernt hat, wie sich Trost anfühlt.

Vielleicht wählt das Heimweh nicht die genauesten Worte.

Es wählt die, die es am längsten kennt.

Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und ersetzt keine professionelle psychologische Beratung.

Quellen: Current Directions in Psychological Science (Caldwell-Harris, 2015) — Emotionality differences between a native and foreign language: Implications for everyday life, 24(3), 214–219; Journal of Experimental Psychology: General (Marian & Neisser, 2000) — Language-dependent recall of autobiographical memories, 129(3), 361–368; Cambridge University Press (Pavlenko, 2005) — Emotions and multilingualism.

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